Erziehung….was jetzt?

Erziehung vom Bett aus……

Die Szene ist mehr als zwanzig Jahre her: Gemeinsam
mit der Familie meines Bruders machen wir Urlaub
im Ferienhaus. Seine Kinder sind schon ein paar Jahre
älter,wir haben unser erstes dabei, acht Monate alt.
Mittagspause,man liegt gemütlich und genießt ein Nickerchen
oder ein entspannendes Buch. Endlich mal nichts müssen!
Da macht eins der Kinder Blödsinn. Es wird laut und ungemütlich
– und wir werden nervös.Wann reagieren seine Eltern endlich,
warum machen die nichts? Schließlich hören wir es vom
Bett aus rufen: „Jetzt hör aber sofort auf, Jan!“
Nichts hört auf – und wir verdrehen die Augen.Warum tun
die nichts? Schließlich wird die Stimme vom Bett deutlich lauter
und dringlich: „Wenn du jetzt nicht sofort aufhörst, dann passiert
was!“Wir nicken begeistert.
Aber nichts hört auf. Jetzt wird die Stimme gereizt und
brüllt los: „Sofort aufhören damit! Du lässt das jetzt! Gleich steh
ich auf und komm rüber!“ Oh ja, hoffen wir erleichtert.
Passiert ist dann doch nichts.Und wir beiden Jung-Erzieher
mit Baby sahen uns stirnrunzelnd an: „Na, das ist doch auch
klar! Erziehung vom Bett aus, das kann ja nicht funktionieren!
Da muss man aufstehen und hingehen!“ Recht hatten wir. Sowieso.
Fünf Jahre später und ein paar Kinder weiter hatten wir
immer noch Recht. Blieben aber selber liegen.Warum?Weil man
so fürchterlich müde war als junge Eltern!Weil man gerade mal
gemütlich im Bett lag und bereitwillig die ganzeWelt gerettet
hätte – aber bitte im Liegen! Jetzt gerade war man soo fertig!

Diese Geschichte läuft mir immer wieder über denWeg –
nur in andererVerkleidung.Was war ich überzeugt, dass
wir es besser wussten! Das war sonnenklar! Und was war
ich fünf Jahre später barmherzig geworden – vor allem mit mir
selbst!

Immer wieder merke ich,wie tief „eingelebt“ Überzeugungen
in uns sind. Zu uns, zu unseremAlter, zu unserer Situation
gehören. Recht habe sowieso ich! Denn ich fühle das ja, erkenne
das ja,man kann das ja gar nicht anders sehen.Weil doch sonnenklar
ist,was richtig ist!

Und dann lebt man fünf Jahre weiter oder zehn.Und denkt
ganz anders über…Anbetungslieder. Choräle. Gottesdienstformen.

Theologische Aussagen. Lebenshaltungen. Liturgie. Charismatiker.

Freikirchler. Landeskirchler. Katholiken.Dabei gibt
es da doch nur eine Sicht, die richtig ist: Das ist doch sonnenklar!
Das steckt doch so tief in mir drin. In meinem Lebensgefühl.
Ich weiß es soo genau, dass ich Recht habe.Weil es schlicht
nicht vorstellbar ist, dass es anders sein sollte.Mit 25 oder 45
oder 65. Bis ich es in fünf Jahren anders sehe – was dann auch
wieder jeder so sehen muss.Weil es ja sonnenklar ist!
Wie viele Konflikte um Gottesdienststile, Musik, Methoden,
Überzeugungen, Empfindungen, empfundene Wahrheiten könnten wir
vermeiden,wenn wir unseren Moment in der Zeit und uns selbst
darin nicht so absolut setzen würden!
Wie viel Behinderung,Trennung und Lähmung
würde vermieden,wenn wir barmherziger wären miteinander!
Weitherziger, vorsichtiger, selbstkritischer.Wie viel mehr Einheit
und Gemeinschaft zum Handeln könnte es geben,wenn ich vielleicht
doch nicht ganz so Recht hätte,wie ich gerade meine.
Denken Sie einmal hin zu Ihrem größten Konfliktgebiet in
Beziehungen, Gemeinde, Beruf oder zwischen den Generationen
…Haben Sie es im Blick? Könnte es nicht sein, dass wir uns
selbst nur einmal erlauben müssten, uns zehn Jahre weiterzudenken
oder für einen Moment wirklich von Herzen in die
Schuhe des anderen zu schlüpfen, um neue Chancen zum Verstehen
zu entdecken? Um uns selbst ein wenig zu relativieren und
barmherziger zu werden?
Aber führt solch eine nachsichtige „Nimm Deine eigene
Sicht nicht zu wichtig“-Haltung nicht zu einer alles duldenden
Egal-Toleranz? Ich denke nicht. Deswegen haben wir unsere
„Geh-Hilfe“-Bibel, die uns begleitet, Grenzen setzt undWahrheit
vorgibt. Aber eben auch Barmherzigkeit und Liebe. Sätze wie:
„In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst…“
(Phil. 2,3a).Weil in Wirklichkeit der andere immer recht hat?
Nein, weil ich mich selbst und meine momentane Lebenssituation
und Lebenssicht nicht absolut setzen soll. Weil die meisten
Fragen des Lebens nicht so sonnenklar sind, wie ich es gerade
so tief empfinde. Weil Liebe Raum schafft für die Sicht des anderen.
Und dennoch Bewegung ermöglicht. So wird Gemeinde,
Ehe oder Freundschaft zu einem Raum, in dem man gerne leben
will.

Deswegen ist Erziehung im Liegen vermutlich dennoch
keine gute Idee. Aber barmherzige Kompromisse und ein vorsichtiges
Relativieren der eigenen Position
sehr wohl – denn „ein jeder sehe
nicht nur auf das Seine, sondern auch
auf das, was dem anderen dient.“ (Phil. 2,3b)